Nur keine KI-sicheren Jobs!

Der Arbeitsmarktökonom Enzo Weber über den Umbruch durch KI, die Mythen der aktuellen Debatte — und warum sich alles in der Personalarbeit entscheidet. Die Fragen stellte Dr. Shamim Rafat, Geschäftsführer von zero360.

Prof. Dr. Enzo Weber
Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

Interview: Dr. Shamim Rafat  ·  15. September 2026  ·  12 Min. Lesezeit

Was macht KI mit unserer Arbeit? Während vielerorts über Stellenabbau, Berufseinsteigerkrisen und „KI-sichere Jobs“ diskutiert wird, schaut Arbeitsmarktökonom Prof. Dr. Enzo Weber auf die Daten und kommt zu einem anderen Schluss.

Während vielerorts über Stellenabbau, Berufseinsteigerkrisen und „KI-sichere Jobs“ diskutiert wird, schaut Arbeitsmarktökonom Prof. Dr. Enzo Weber auf die Daten und kommt zu einem anderen Schluss.
Beim SHAPE 2030 Leadership Forum von EMBRACE und zero360 hat er im April 2026 über den Umbruch des Arbeitsmarkts gesprochen. Weber leitet am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit den Forschungsbereich „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“, hat den Lehrstuhl für Empirische Wirtschaftsforschung an der Universität Regensburg inne und erforscht seit 15 Jahren, wie Technologie den Arbeitsmarkt verändert.

Seine Perspektive liefert den ökonomischen Rahmen für die Fragen, die auch den SHAPE 2030 Peer-Report prägen: Was verändert KI tatsächlich? Wo überschätzen wir ihre Wirkung? Und was entscheidet darüber, ob aus technologischen Möglichkeiten wirtschaftlicher und menschlicher Fortschritt wird?

01  Die falsche Frage

Rafat: Herr Weber, in unseren Projekten stellt diese Frage gerade jede:r: Welcher Job ist eigentlich noch KI-sicher? Was antworten Sie?

Weber: Die Frage höre ich ständig. Meine Gegenfrage lautet dann: Was soll das sein, dieser KI-sichere Job? Der Job, der vom technologischen Fortschritt völlig abgekapselt ist? In dem sich garantiert nichts ändert und die Tätigkeiten so öde bleiben, wie sie die letzten Jahre waren? Der ohne Produktivitätsfortschritt auskommt und damit übrigens auch ohne Lohnerhöhungen? Wollen Sie diesen Job wirklich haben?

Ich empfehle Ihnen alles, nur keine KI-sicheren Jobs. Damit sage ich nicht, dass die Sache harmlos endet. Aber wenn wir immer nur darüber nachdenken, was KI für uns übriglassen könnte, können wir eigentlich gleich aufhören. Diese Denkrichtung ist für die eigene berufliche Entwicklung schlicht schädlich.

02  Was wirklich passiert

Rafat: Was ich gerade in Unternehmen erlebe: Die Verunsicherung sitzt plötzlich nicht mehr nur in der Fertigung, sondern auch in den Büros, bei Menschen, die Automatisierung lange eher für ein Thema der anderen gehalten haben. Wen trifft KI tatsächlich?

Weber: Die Hochqualifizierten, und das ist tatsächlich neu. Solange wir in der Softwarewelt waren, sagen wir bis Oktober 2022, lag das Automatisierungspotenzial bei Tätigkeiten von Beschäftigten ohne formale Ausbildung deutlich höher als bei Akademikern: im Index 54 gegenüber 42. Mit KI dreht sich diese Treppe um: 40 bei den einen, 51 bei den anderen.

Es geht jetzt um die ohnehin schon digitalisierten, abstrahierten Tätigkeiten: Informatiker, Journalisten, Ärzte, Juristen. Der beliebteste Satz der KI-Debatte lautet: Diesmal ist alles anders. An dieser Stelle stimmt er sogar.

Rafat: Bei Industrie 4.0 gab es schon einmal sehr ähnliche Prognosen: Digitalisierung werde massenhaft Industriejobs vernichten. Sie haben das damals untersucht. Was ist tatsächlich passiert?

Weber: Für Wirtschaft 4.0 haben wir vor zehn Jahren simuliert, dass bis 2025 gut anderthalb Millionen Jobs in ihrer damaligen Form wegfallen und fast genauso viele neu entstehen. Unterm Strich minus 30.000.

Unsere Botschaft war damals: Umbruch, kein Einbruch. Und so ist es gekommen. Die Beschäftigung stieg jahrelang auf immer neue Rekordstände. Im Herbst 2025 haben wir das wiederholt und ein Szenario gerechnet, in dem KI umfassend in der Wirtschaft umgesetzt wird. Das Muster ähnelt sich: Rund 1,6 Millionen Stellen fallen innerhalb von 15 Jahren weg oder entstehen neu, die Gesamtzahl der Arbeitsplätze bleibt dabei weitgehend stabil.

Rafat: Die Verluste kann sich jeder vorstellen. Aber woher kommen die neuen Stellen?

Weber: Die Gewinne sind abstrakter als die Verluste, und es geht im Kern um drei Dinge: die Investitionen in die neuen Technologien, die neuen Geschäftsmodelle, die quer durch alle Branchen entstehen können, und vor allem den Einkommensmechanismus.

Wenn KI Jobs ersetzen soll, muss die Produktivität steigen, denn sonst rechnet sie sich betriebswirtschaftlich nicht. Steigt die Produktivität, entsteht Einkommen. Einkommen wird ausgegeben, daraus entsteht Bedarf, und schon werden wieder Jobs gebraucht, oft an Stellen, die mit der Technologie gar nichts zu tun haben.

Ja, auch im Gastgewerbe entstehen Jobs wegen KI. Dieser Mechanismus wirkt zweimal um die Ecke und kommt von hinten durch die kalte Küche, aber ohne ihn wären wir längst beim Ende der Arbeit angekommen. Nutzen wir alle Potenziale, könnte das Wirtschaftswachstum um 0,8 Prozentpunkte pro Jahr höher ausfallen; zuletzt lagen wir bei etwa 0,1 Prozent.

03  Der Faktencheck

Rafat: Trotzdem ist die Stimmung vielerorts ziemlich düster: Akademikerkrise, ganze Berufe vor dem Aus. Sehen Sie das in Ihren Daten?

Weber: Die Beschäftigung auf Spezialisten- und Expertenniveau ist bis zuletzt gestiegen. Wenn das eine Akademikerkrise ist, will ich sie immer haben. Richtig ist: Die Arbeitslosenquote von Akademikern lag vor Corona bei 2,1 Prozent, heute bei 3,3. Akademiker sind nicht mehr immun, eine Krise ist das aber nicht.

Den echten Knick sehen wir beim Fachkraftniveau, und der begann 2019. Seitdem haben wir eine handfeste Industriekrise, und die hat mit KI nichts zu tun. Wir haben im Moment ein größeres Problem als KI.

Auch bei den Berufen entlasten die Daten die Technologie: Die scheinbar negative Beziehung zwischen Substituierbarkeitspotenzial und Beschäftigungsentwicklung hängt an drei Ausreißern, hinter denen Demografie und Industriekrise stecken. Ohne sie bleibt keine Korrelation übrig. IT-Berufe etwa haben ein hohes Substituierbarkeitspotenzial und sind trotzdem kräftig gewachsen.

Real ist der Druck dort, wo Standardarbeit anfällt: Standardcode, Standardtexte, Übersetzungen. Wer drinsteckt, für den ist das nicht angenehm, aber den Gesamtarbeitsmarkt drückt es nicht nieder.

Rafat: Und was ist mit den Berufseinsteigern? Ich erlebe gerade, wie Unternehmen Einstiegsprogramme einfrieren mit der Begründung: Diese Aufgaben übernimmt künftig ohnehin die KI.

Weber: Die Arbeitslosigkeit junger Leute ist deutlich gestiegen, das ist extrem unschön. Aber der Kern liegt woanders: Die Jobaufnahmequoten von Arbeitslosen sind insgesamt gesunken, nicht speziell bei den Unter-30-Jährigen.

Wir haben keine Berufseinsteigerkrise, wir haben eine Erneuerungskrise: Seit Jahren entstehen viel zu wenig neue Stellen. Das trifft alle, die neu suchen, und damit zwangsläufig auch alle Berufseinsteiger. Rechnet man die amerikanischen Befunde zu wegbrechenden Junior-Positionen sauber nach, ist von dem Rückgang bei uns vielleicht ein Zehntel auf KI zurückzuführen.

Übrigens: Die Erwerbsbeteiligung der 20- bis 24-Jährigen ist so hoch wie seit Jahrzehnten nicht. Die jungen Leute sind fleißig wie nie. Ein echtes Problem ist dagegen der wachsende Anteil junger Erwerbspersonen ohne Berufsabschluss.

04  Der Dreh

Rafat: Wenn die Daten so aussehen, woher kommt die Angst?

Weber: Über KI wird berichtet wie über eine Naturkatastrophe. „KI hat etwas Neues gelernt, es gibt großartige Einsatzmöglichkeiten.“ Wie öde. Da lieber die Roboterhand, die jemanden vom Arbeitsplatz wegzerrt.

Dahinter steckt ein interessantes Konstrukt: Die Technologie darf sich weiterentwickeln. Wir selbst sind anscheinend verpflichtet, uns von der Technologie wegwaschen zu lassen. Wir dürfen uns anscheinend nicht entwickeln. So kommt man zu den Horrorszenarien.

Wir reden über Tätigkeiten, die Menschen gestern ausgeübt haben und die heute KI macht. Wir müssten über die Tätigkeiten reden, die morgen Menschen machen.

Rafat: Gut, drehen wir es um: Was gewinnen die Menschen, wenn sich ihre Arbeit ändert?

Weber: Ich stelle in Vorträgen gern eine Frage: Wer nimmt in seinem Job zu mehr als 95 Prozent die Tätigkeiten wahr, von denen er geträumt hat, als er den Beruf ergriffen hat? Da gehen 0,1 Prozent der Hände hoch. Es darf sich also ruhig etwas ändern.

So wie Jobs künftig aussehen werden, haben wir immense Möglichkeiten, menschliche Tätigkeiten und Kompetenzen weiterzuentwickeln, statt immer nur darauf zu schauen, was für uns übrigbleibt. Das wäre der Gewinnerknopf, arbeitsmarktpolitisch wie personalpolitisch.

Wenn ich nicht weiß, wie stark der Gegner ist, sage ich den Jungs in der Kabine: Knallt erst mal zwei Tore rein, dann sehen wir weiter.

„Wir reden über Tätigkeiten, die Menschen gestern ausgeübt haben und die heute KI macht. Wir müssten über die reden, die morgen Menschen machen.“

05  Die Rechnung für die Personalarbeit

Rafat: Das kenne ich aus vielen Projekten: Die Lizenzen sind ausgerollt, die Piloten laufen, und in der Wertschöpfung bewegt sich trotzdem erstaunlich wenig. Warum ist das so?

Weber: Genau das ist der Befund: Die KI-Nutzung ist in deutschen Unternehmen ordentlich gestiegen, nicht Weltspitze, aber nicht schlecht. Die Produktivität ist es nicht.

KI-Nutzung allein ist eben keine Produktivität. Ich brauche die personalpolitischen Konzepte, die Kompetenzen, die Geschäftsmodelle und die Prozesse, um daraus Wertschöpfung zu machen.

Das sind die eigentlichen Kosten dieser Technologie: Die Erstinvestitionen sind im Vergleich zu früheren Technologien niedrig, die organisatorische Komplexität ist hoch. So etwas muss erarbeitet werden. Und das haben wir bisher nicht hinreichend geleistet, sonst wäre mehr herausgekommen.

Rafat: Was sehen Sie in den Betrieben, die vorangehen?

Weber: Betriebe, die in lernende Systeme investieren, haben mehr Bewegung: rund ein Drittel mehr Einstellungen und ein Drittel mehr Entlassungen als das Gesamtniveau. Und sie stellen andere Anforderungen an die Leute.

Jenseits der formalen Ausbildung zählen soziale Kompetenz, Kommunikation und Führungskompetenz deutlich mehr. Dazu kommen selbstständiges Arbeiten, Prozess-Know-how, Interdisziplinarität und Lernfähigkeit. Das, was früher als Soft Skills ganz unten im Lebenslauf stand, wird zum Kern.

Der wesentliche Punkt ist ohnehin nicht, dass Jobs kommen und gehen. Der wesentliche Punkt ist: Jobs ändern sich in dem, was in ihnen getan wird. Das ist ein ziemlich einhelliges Ergebnis der Forschung, und einhellige Ergebnisse kommen bei uns nicht oft vor.

Rafat: Was ich stattdessen oft sehe, ist Restrukturierung nach altem Muster: Abfindungsprogramme, Vorruhestand, Menschen gehen. Was wäre die Alternative?

Weber: Umbruch muss finanziert werden, und im Moment finanzieren das verdammt viele mit 300.000 Euro und Handschlag. Erfahrene Leute bekommen Abfindungen, mit denen sie mit 56 in die Frührente gehen sollen. So weit sind wir schon wieder gekommen.

Dieses Geld ließe sich umleiten, wenn man die Zuversicht schafft, dass Weiterentwicklung möglich ist. Wir brauchen systematische Programme, personalpolitisch und arbeitsmarktpolitisch unterstützt. Programme, die genau hinschauen: Wie setzen wir das für Entwicklung ein, auch dann, wenn der Weg aus dem Unternehmen hinausführt, dorthin, wo die Stärken weiter zählen?

Maschinenbau im Verbrennermotor ist auf dem absteigenden Ast. Aber Windkraft braucht Maschinenbauer. Das ist nicht exakt dasselbe, doch mit etwas Investition kommt man da auch ohne komplette Umschulung weit.

06  Was jetzt

Rafat: Damit sind wir bei der Frage, die mir am Ende solcher Diskussionen fast immer gestellt wird: Wo anfangen?

Weber: Niederschwellig. Für die meisten Menschen ist KI Science-Fiction, etwas Abstraktes, unter dem sie sich nichts vorstellen können. Also: den Leuten etwas in die Hand geben, das sich in die eigenen Arbeitsprozesse einpassen lässt. Erst ein paar Schritte machen, dann drumherum qualifizieren. Sich in der Vorstandsetage etwas auszudenken wie im Silicon Valley ist nicht das deutsche Innovationsmodell.

Und dann: die jungen Leute richtig einsetzen. Da kommt eine neue digitale Technologie, die Digital Natives strömen in den Arbeitsmarkt und wir diskutieren eine Berufseinsteigerkrise. Da stimmt doch etwas nicht.

Präsentationen schönmachen, Zahlen durchwalzen, Texte glattbügeln: War das wirklich die tollste Aufgabe für ambitionierte junge Leute? Spannen wir sie mit den Erfahrenen zusammen: Erfahrungswissen auf der einen Seite, Impulse auf der anderen. Digital Native zu sein reicht dabei nicht, denn für wertschöpfenden KI-Einsatz braucht es konzeptionelle Kompetenz, und die muss man jungen Leuten auch beibringen.

Rafat: Zum Schluss: Was muss politisch passieren, damit der Umbruch gelingt?

Weber: Der Kern: Ausbildung und Weiterbildung komplett verbinden in den Institutionen, im Kompetenzrahmen, in der Förderung.

Heute gilt: Wenn Bildung erfolgreich ist, nennen wir das Abschluss. Wenn etwas gut war, hört man also damit auf. Und wenn zwanzig Jahre später eine neue Technologie kommt, soll man schnell wieder anfangen, kann aber nicht mehr und will nicht mehr.

Unsere Qualifizierungsförderprogramme erreichen einige Zehntausend Menschen im Jahr, in einem Arbeitsmarkt von 45 Millionen. Das ist zu dünn.

Deshalb mein Vorschlag: Jeder Qualifizierungstag lässt sich pauschal steuerlich vom Betriebsgewinn absetzen. Insgesamt brauchen wir mehr Bewegung im Arbeitsmarkt und einen klaren Fokus auf wirtschaftliche Erneuerung. Wir können das. Die Potenziale sind da.

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Wer wir sind

SHAPE 2030 wird von EMBRACE und zero360 organisiert – zwei Partner, die sich im Bereich HR und
Transformation bestens auskennen

EMBRACE verfolgt die Mission: „Jeder Mensch verdient den bestmöglich passenden Job und Arbeitgeber.“ Sie bündeln Inspiration, Impact und Innovation für alle, die die Arbeitswelt der Zukunft prägen. Mit Freude, Power und Leidenschaft gestalten sie neue Lösungen in den Bereichen Recruiting, Retention und HR-Tech.

zero360 ist eine der führenden unabhängigen Transformations-Boutiquen in Deutschland. Das Berliner Unternehmen unterstützt Organisationen auf ihrem Weg zur Zukunftsfähigkeit und setzt Schwerpunkte im Bereich der Zielbildentwicklung, Leadership Empowerment, Future Skills Development und systemischer Organisationsentwicklung.

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